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Doch
wir haben gelernt, den Anforderungen der Zeit freiwillig zu folgen,
ehe wir dazu gezwungen werden. In vorauseilendem Gehorsam geben
wir verloren, was wenige Avancierte noch für eine Chance halten.
Die Wörter, heißt es, hätten ihre Kraft und Referenz
zur Wirklichkeit verloren - und wir gehorchen und streichen mit
den Zeichen die Begriffe. Doch die aktuelle, dekonstruierende Interpretation
der Sprache liefert die Menschheit der Beliebigkeit aus; die radikale
Befreiung der Menschen von ihrer hirarchischen Struktur, enthüllen
die andere Seite des Januskopfes: Die Isolation des Subjektes.
Die
Zeitschrift "Kunstforum" veröffentlichte 1989 einen
Essay des französischen Philosophen Jean Baudrillard, der die
vollständige Emanzipation des Individuums emphatisch feierte:
Die Befreiung der Frau, des Kindes, der Triebe, der Kunst habe bereits
stattgefunden, alle Zeichen, alle Formen, alle Wünsche seien
frei verfügbar. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage harrt allerdings
noch der Überprüfung.
Während
in den Vereinigten Staaten angesichts der sozialen Mißstände
und der Bedrohung durch Aids oder Terrorismus die Faszination dieser
These bereits zu verblassen beginnt, erfreuen sich in Europa akademische
Zirkel immer noch an ihrer Verheißung. Die Befreiung des modernen
Menschen vergrößert das Repertoir an Verhalten und möglicher
Urteilsfindung über sich, die Umwelt und Gott. Bezahlt wird
diese Erweiterung mit dem Verlust unverzichtbarer materieller und
emotionaler Lebensgrundlagen, wenn es uns nicht gelingt, als Bedingung
für vermehrte Freiheit auch vermehrte Verantwortung einzufordern.
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